Leistung:
Leistungsphase 1-8
Fotos: Hannes Heitmüller
Das Projekt in Seevetal antwortet auf die suburbane Nachverdichtung mit einer respektvollen städtebaulichen Setzung: Wo ehemals eine kleinteilige Bebauung auf großzügigen Grundstücken das Bild prägte, nutzt dieser Neubau die Fläche effizient, ohne den Dialog mit der Umgebung aufzugeben. Das Gebäude umschließt eine alte Eiche, die als identitätsstiftender Ankerpunkt erhalten blieb. Architektur wird hier nicht als Fremdkörper, sondern als qualitative Weiterentwicklung des Ortes begriffen, die den Maßstab der Nachbarschaft wahrt und modern interpretiert.
Der Entwurf folgt dem Prinzip der Subtraktion: Der Baukörper wird als Monolith begriffen, aus dem – einem Bildhauer gleich – Öffnungen, Rücksprünge und schräge Laibungen herausgearbeitet wurden. Prägendes Element ist die neun Meter hohe Lochfassade im Eingangsbereich. Während Erschließungsbereiche oft rein funktional reduziert werden, inszeniert dieser Entwurf das Treppenhaus als atmosphärischen Erlebnisraum. Der Wasserstrichziegel verleiht dem Baukörper eine haptische Tiefe. An der Schwelle zum Innenraum wirkt die stelenartige Perforation wie ein Filter, der das Licht aktiv moduliert. Im Inneren entstehen kinetische Schattenspiele, die den Baustoff Klinker immateriell fortführen und das Entrée im Tagesverlauf immer wieder neu definieren.
Die Wertigkeit manifestiert sich in der konsequenten Durchplanung: Im klassischen Läuferverband ausgeführt, wurde in der Werkplanung jeder Stein einzeln verortet. Nur so ließen sich die komplexen Anschlüsse ohne Kompromisse lösen. Maßgeblich für die Wirkung ist die helle Farbigkeit des Ziegels, die dem Haus eine beinahe schimmernde Präsenz verleiht. Die sandfarbene Fuge bricht die Härte des Materials und lässt die Fassade als homogenes Ganzes mit der Umgebung verschmelzen. Das zweischalige Mauerwerk (KfW-55) ist ein Plädoyer für Dauerhaftigkeit, Wartungsarmut und eine Ästhetik, die durch natürliche Patina gewinnt.
Im Inneren schaffen fließende Grundrisse und Sichtachsen Weite. Jede Einheit korrespondiert über Balkone oder Terrassen mit dem Außenraum. Die Balkone sind dabei besonders filigran entworfen: Ihre Geländer sind mit einem Lochblech versehen, welches die Privatsphäre der Bewohner wahrt und gleichzeitig eine gestalterische Leichtigkeit erzeugt. Ein weiteres Detail sind die abgestuften Pflanzkübel aus Lärchenholz, die auf den Dachterrassen als Trennelemente fungieren. Ihre terrassierte Form schafft dort geschützte Rückzugsbereiche und fördert gleichzeitig den Austausch. Diese „vertikalen Gärten“ dienen als Pufferzonen, fördern die Biodiversität und bilden eine weiche, begrünte Kante zum Außenraum.
Das Gebäude beweist, dass moderne Wohnraumschaffung und gestalterische Poesie eine Einheit bilden können. Durch die Synthese aus Materialität, Formsprache und einer Planungstiefe, die den einzelnen Stein würdigt, leistet das Projekt einen wertvollen Beitrag zur zeitgenössischen Backstein-Architektur – nachhaltig, wertbeständig und geprägt von einer hoher Wohnqualität.